Simmerath

 

Simmerath (Erstbezeugung a. 1342 Semenroede)

Die Siedlung ist auf der welligen Hochfläche nördlich der Rur im älteren Rodungsgebiet des Hochmittelalters entstanden, das in der Folge der limburgischen Burggründungen seit dem 12. Jahrhundert aus dem Konzener Reichswald ausgeschieden worden ist. Die so entstandenen Rode-Siedlungen bildeten einen eigenen Zehnt- und Rechtsbezirk unter der Bezeichnung "Feldgeleit". Das Grundwort des zusammengesetzten Namens enthält im Kern die Wurzel des Verbs roden und schliesst sich in der heutigen Laut- und Schreibgestalt an die im nördlichen Rheinland übliche Form -rath an. Das Bestimmungswort dürfte mit einem Personennamen Simmo (Kurzform eines zweigliedrigen germanischen Namens) oder Simon (entlehnter biblischer Name) zu identifizieren sein.

Schon in der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts wurde Simmerath Standort einer zweiten Pfarrkirche des Monschauer Landes (St. Johannes Baptist; Pfarrer zu a. 1346 bezeugt) und trat damit als Hauptort für das "Niedere bzw. Untere (nordöstliche) Kirchspiel" neben Konzen als Sitz des "Oberen Kirchspiels". Die Wahl dürfte auf Simmerath wegen der etwa gleichmässigen Entfernung der älteren Siedlungen im nordöstlichen Feldgeleit (Bickerath, Paustenbach, Lammersdorf, Witzerath, Nieder- und Oberrollesbroich [= Strauch], Kesternich und Meisenbroich) zur neuen Pfarrkirche Simmerath (maximal 4 km Luftlinie) gefallen sein. Die ebenfalls zur alten Pfarre Simmerath gehörigen Orte Schmidt, Woffelsbach, Rurberg, Pleushütte, Dedenborn, Huppenbroich, Mulartshütte, Zweifall und Vossenack sind durch die folgende Aufsiedlung des Waldgeleits hinzugekommen. Wegen der alten Zehntrechte im Feldgeleit lag der Patronat wie in Konzen beim Marienstift Aachen. Die ehemalige Zehntscheune des Marienstiftes ist erst im Jahr 1821 abgebrochen worden. Die Einrichtung einer zweiten Pfarrkirche ist Indiz dafür, dass in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts die Bevölkerungszahl der Herrschaft Monjoie der Herren von Valkenburg-Monschau merklich angewachsen und der innere Ausbau des Feldgeleits abgeschlossen war.

Im Jahr 1486 dotierte Herzog Wilhelm IV. von Jülich-Berg die Kirche mit einem Viertel des Zolls zu Kalterherberg und stiftete 1489 der Dreifaltigskeitsbruderschaft an der Kirche ein Grundstück für eine Memorie. Bei den Visitationen des 16. Jahrhunderts zeigte sich, dass im Kirchspiel - vornehmlich in Kesternich und den Höfen des Rurtals, nicht aber in Simmerath selbst - Täufer lebten, die amtlicher Verfolgung ausgesetzt waren. Von der Kirche des 14. Jahrhunderts sind Bauteile im Untergeschoss des Turms erhalten. 1661 wurde die Kirche um einen Chor erweitert; für 1684 ist die Weihe von drei Altären bezeugt, was auf eine gewisse Grösse der Gemeinde schliessen lässt. In den Jahren 1840-47 entstand ein Neubau (Weihe 1850), dessen Grundriss auch der Wiederherstellung nach dem zweiten Weltkrieg (1952) zugrunde liegt. Die Erhebung zum Dekanatssitz (1952 Abtrennung von Monschau) knüpft an die mittelalterliche Tradition des "Niederen / Unteren Kirchspiels" an.

Im 14.Jahrhundert bestand in Simmerath ein Hof der Forstverwaltung als Gerichts- und Schlichtungsstelle in Streitfällen der Waldnutzung, insbesondere der Schweinemast, für "ausländische", d.h. nicht aus dem Monschauer Land stammende Herden.

Im Rahmen des mittelalterlichen Mühlenzwanges stand den Simmerathern die Nutzung der Bannmühlen an der Kall ("Lammersdorfer Mühle") oder im Tiefenbachtal (bei Huppenbroich) frei. Nach dem Wegfall des Mühlenzwangs aufgrund der der französischen Neuordnung seit 1794 ist an der Kall am Kirchweg von Lammersdorf seit 1850 für etwa ein halbes Jahrhundert eine näher gelegene Mühle ("Simmerather Mühle") betrieben worden. Der seit dem 19. Jahrhundert sicher bezeugte "Simmerather Markt" mit zwei überregionalen Märkten im Frühjahr und Herbst geht möglicherweise bis ins 16. Jahrhundert zurück. Das Wahrzeichen des älteren Marktplatzes war die laut Inschrift im Torbogen 1665 errichtete Johanneskapelle, die bei Einrichtung des heutigen Bushofs umgesetzt worden ist.

Mit der preussischen kommunalen Neugliederung bildete Simmerath 1816 eine Bürgermeisterei mit Bickerath, Huppenbroich, Paustenbach, Rollesbroich und Witzerath; 1851 eine Samtgemeinde (einschliesslich der oben genannten Orte) zusammen mit Lammersdorf; ab 1936 ein Amt mit Lammersdorf und Vossenack. Durch die Kommunalreform von 1972 wurde Simmerath Verwaltungssitz und namengebend für eine Gemeinde aus Dedenborn mit Seifenauel und Rauchenauel, Hammer, Eicherscheid, Huppenbroich, Einruhr, (Pleushütte), Erkensruhr, Hirschrott, Kesternich, Lammersdorf, Rollesbroich, Rurberg, Steckenborn, Hechelscheid, Strauch, Woffelsbach, Bickerath, Witzerath, Paustenbach und Gerstenhof. Ähnlich wie das Dekanat umfasst auch die heutige Gemeinde ungefähr wieder den Raum des spätmittelalterlichen "Niederen / Unteren Kirchspiels".

Durch den Ausbau von Chausseen von der Mitte des 19. Jahrhunderts an und der damit verbundenen Verlegung von Streckenführungen gelangte Simmerath in die Rolle des Verkehrsknotenpunktes in der Mitte des Monschauer Landes, was insbesondere seit dem zweiten Weltkrieg die zentralörtlichen Funktionen Simmeraths nachhaltig verstärkt hat, so dass Simmerath heute das wirtschaftliche Zentrum (Handel und Gewerbe) der gleichnamigen Gemeinde darstellt.

In der Zeit einer noch dominierenden Landwirtschaft hatte Simmerath seit 1896 eine genossenschaftliche Molkerei (1940 mit Strauch vereinigt), die 1967 geschlossen wurde.

Das 1914 (Grundsteinlegung 191

OKHSimmer

Krankenhaus Simmerath 1914

3) eröffnete Krankenhaus war seit den 50er Jahren bis 1971 Kreiskrankenhaus und ist seitdem ständig erweitert und modernisiert worden.

Ein Lehrer und Elementarunterricht im Winter sind schon in einer kirchlichen Visitation von 1721 bezeugt. Die Gemeinschaftshauptschule Simmerath wurde 1972 eingeweiht. Seit 1947 besteht in Simmerath eine gewerbliche Berufsschule, die mit neuem Gebäude an der Bickerather Straße (Einweihung 1952) als Kreisberufsschule fortgeführt wurde (neue Gebäude an der Hauptstrasse seit 1959, mehrfach erweitert).

Im Gefolge der Kreisberufsschule des ehemaligen Landkreises Monschau entstand ein 1972 eröffnetes "Berufsbildungs- und Gewerbeförderungszentrum" (BGZ), das u.a. auch Ausbildung von Kandidaten aus Entwicklungländer betreibt. 1978 folgte das Katastrophenschutz- und Hilfeleistungszentrum des Kreises Aachen. In den Gebäuden des BGZ existiert seit 2003 die Berufsfachschule für den Rettungsdienst des DRK-Landesverbandes Nordrhein.

Literatur:

E. Neuß: Simmerath. Von den Anfängen bis zum Ende des Alten Reiches, ML 33 (2005) S. 31-41; 34 (2006) S. 29-40; Th. Schreiber: Meßtischblätter spiegeln Simmeraths Entwicklung, ML 18 (1990) S. 55-66; Th. Schwonzen: Geschichte des St. Brigida Krankenhauses Simmerath, ML 31 (2003) S. 22-28; Blickpunkte. 30 Jahre Gemeinde Simmerath. Katalog der Ausstellung, hg. von der Gemeinde Simmerath, bearb. v. B. Läufer, Simmerath : Gemeinde Simmerath 2002; Simmerath von den Anfängen bis heute. Anno 1342 - Anno 2002, Simmerath : Kameradschaftlicher Verein e.V. 2001

 

© · 2006 Geschichtsverein des Monschauer Landes e.V